Die Geschichte der Gospelmusik
 
 
Gospel- und Spiritualmusik wird meist in einem Atemzug genannt. Gemeinsamkeiten haben sich aber erst im 18 Jahrhundert in Amerika entwickelt. Spirituals wurden ursprünglich von afrikanischen Sklaven in die so genannte Neue Welt gebracht. Allerdings bezeichneten auch europäische Einwanderer ihre geistlichen Gesänge als Spirituals. 
 
Die Inhalte waren jedoch grundverschieden. In der afrikanischen Musik stand vor allem die Einheit von Natur, Mensch und spiritueller Verbundenheit mit einer transzendenten Energie im Mittelpunkt. Die Siedler aus der Alten Welt bezogen ihre Texte dagegen aus der christlich geprägten Weltanschauung.
 
Heute sind die Unterschiede zu einer eigenständigen Musikkategorie verschmolzen, wobei die  abendländischen Einflüsse kaum noch zu spüren sind. Ganz anders dagegen die afrikanische Tradition. Typisches findet sich dabei in den Rhythmen, in dem Einsatz von Percussionelementen, und vor allem in dem &dbquo;Call- and Response-Ritual; ein Text wird vorgesungen, Mitsänger antworten.
 
Die so festgelegte Struktur bestimmt den Ablauf und verleiht dem Gesang Eindringlichkeit, emotionale Steigerung bis hin zu tranceähnlichen Zuständen. Zunächst einstimmig gesungen, erweitern später polyrhythmische Instrumente, instrumentale Begleitung, Fingerschnippen, Händeklatschen und Fußstampfen die Ausdrucksformen. Popularität in allen Bevölkerungsschichten erreichten die Negro-Spirituals bereits nach dem amerikanischen Bürgerkrieg. Im Laufe des 19. Jahrhunderts veränderten sich die bis dahin einfachen Gesänge in komplexe, mehrstimmige Varianten. In den Originalfassungen fehlt übrigens fast immer die Bassstimme.
 
Das erste veröffentliche Spiritual war vermutlich &dbquo;Roll Jordan Roll im Jahre 1862. Dass es so wenig Notenmaterial von den früheren Gospels gibt, liegt an der Tradition, aber auch daran, dass der Zugang zu modernen Formen der Verarbeitung den Afroamerikanern lange Zeit versagt blieb.
 
Einer der wenigen niedergeschriebenen Spirituals ist Precious Lord, als einstimmige Version komponiert  und geschrieben von Thomas Dorsey, dem in den 20er Jahren des 20.Jahrhunderts berühmtesten Gospel- und Spiritualkünstler.
 
Haben die Inhalte aus der Sklavenzeit , in der Musik die einzige Möglichkeit der Kommunikation und der Weitergabe geheimer Botschaften war, mit den Texten der Gegenwart nicht mehr viel zu tun, so bestimmten die Gospelmusik immer noch religiöse Inhalte. Genau so stark kommen aber auch die Sehnsucht und Hoffnung nach einem vorurteilslosen Leben in der Gesellschaft zum Ausdruck.
 
Beispiele für codierte Lieder währen der Sklavenzeit sind &dbquo;Promised Land, &dbquo;This train oder &dbquo;Steel away. Die in solche Gesangsstücken verschlüsselt dargestellten Informationen sollen den Weg in die Freiheit, den Weg aus der Sklaverei vorbereiten.
 
Protagonistinnen der Gospel- und Spiritualmusik bis in die Gegenwart sind nach wie vor Mahalia Jackson und Sister Rosetta Tharpe. Dazu gezählt werden müssen heute aber auch Charles May, Kirk Franklin oder Richard Smallwood. Ihr Einfluss ist aus der modernen Gospelmusik nicht weg zu denken; so hat Charles May als erster eine Gospel-Oper &dbquo;Jezibel geschrieben und erhielt dafür große Anerkennung.
 
© Andreas Bernstein, Oktober 2004